Warum Echtzeit-Klimamodelle die Zukunft der Fahrzeuginnenraum-Simulation sind
Herkömmliche transiente CFD-Simulationen liefern
detaillierte Strömungs- und Temperaturfelder, sind jedoch aufgrund hoher
Rechenzeiten für frühe Konzeptphasen ungeeignet. Das MultiLuftzonen-Modell in
der Software Theseus-FE der ARRK Engineering GmbH bietet hier einen neuartigen
Ansatz, dargestellt in Abb. 1: Es unterteilt das Kabinenvolumen in diskrete
Luftzonen und verknüpft diese mit Daten, die dem Modell über eine KI-gestützte
Ventilationsmatrix zeitabhängige Luftaustauschgrößen zu Verfügung stellt. Zur Erstellung
dieser Matrix werden zunächst die relevanten Betriebszustände in der Kabine
identifiziert. Anschließend werden für diese Zustände stationäre CFD-Berechnungen
im Umfang von einigen Dutzend bis hin zu wenigen hundert Simulationen
durchgeführt. Auf diese Weise bleiben die dominanten physikalischen Mechanismen
erhalten, während Wechsel der Belüftungssituation der Kabine ohne erneute
CFD-Berechnung simuliert werden können und die Rechenzeiten für die
Untersuchungen drastisch sinken.
Das Modell bildet Temperatur, Feuchte und Luftaustausch
zwischen Zonen ab und ermöglicht so eine prädiktive Bewertung des thermischen
Komforts. Validierungen zeigen Abweichungen von unter 1 K in den meisten
Körperregionen der Insassen – eine Genauigkeit, die für Konzeptstudien optimal
ist. In schwach belüfteten Zonen, in denen tendenziell größere Inhomogenitäten
und Temperaturabweichungen auftreten können, können diese gezielt durch eine
feinere Modellierung berücksichtigt werden.
Schnelle Klimastrategie-Entwicklung statt CFD-Marathon
Die Entwicklung effizienter Klimaregelstrategien steht im
Spannungsfeld zwischen Komfort, Sicherheitsanforderungen wie der
Frontscheibenenteisung und Energiebedarf. In frühen Entwicklungsphasen fehlen
jedoch häufig reale Prototypen, während vollgekoppelte CFD/FE-Modelle mehrere
Tage bis Wochen Rechenzeit beanspruchen können, wodurch iterative Optimierungen
nur eingeschränkt möglich sind.
Das vorgestellte MultiLuftzonen-Modell bietet hier
entscheidende Vorteile:
- automatische
oder manuelle Zonierung für relevante Bereiche
- CFD-basierte
Wärmeübergangskoeffizienten für Konvektion
- KI-gestützte
Ventilationsmatrix für wechselnde Betriebszustände
- Kopplung
mit einem thermophysiologischen Menschmodell nach Fiala
Dieses Zusammenspiel ermöglicht echtzeitnahe Simulationen des thermischen Innenraumverhaltens bei gleichzeitig hoher physikalischer Validität. Typische Szenarien wie Defrosting, schnelle Aufheizstrategien oder Komfortvergleiche lassen sich innerhalb etwa einer Stunde simulieren – anstelle mehrerer Tage bei herkömmlichen Ansätzen.
Validierung: Hohe Genauigkeit bei drastisch reduzierter
Rechenzeit
Ein beispielhafter Defrost-Betriebsfall über 30 Minuten mit
dynamischem Verlauf von Luftmenge, -verteilung und -temperatur zeigt die
Leistungsfähigkeit des Modells. Zur Validierung wurden ein Kabinen-Mockup mit
Klimagerät und 21 Thermoelementen sowie der ARRK Komfort-Dummy eingesetzt. Die
zeitlichen Verläufe der Lufttemperaturen an den Messpunkten des Komfort-Dummys
(siehe Abb. 2) stimmen in den meisten Körperregionen sehr gut mit den
Simulationsergebnissen überein:
- 1 K Abweichung im Kopf- und Oberkörperbereich
- bis
2,8 K Abweichung im Fußraum aufgrund lokaler Inhomogenitäten
- realistische Komfortreaktion des Fiala-Modells für verschiedene Körpersegmente
Das Komfortmodell zeigt eine schnelle thermische Entlastung im Kopfbereich, während Unterkörperregionen verzögert reagieren, wobei die Ergebnisgüte hier aktuell noch optimiert wird. Die Kombination aus MultiLuftzonen-Modell und thermophysiologischer Berechnung ermöglicht eine belastbare Bewertung des Innenraumklimas und der Behaglichkeit. Die hohe Übereinstimmung belegt, dass die physikalische Konsistenz erhalten bleibt, obwohl die Rechenzeiten gegenüber vollgekoppelten CFD/FE-Simulationen um Größenordnungen geringer sind.
Zusammenfassung
Das echtzeitfähige MultiLuftzonen-Klimamodell in Theseus-FE
ermöglicht erstmals eine schnelle, physikalisch fundierte Bewertung des
Innenraumklimas bereits in frühen Fahrzeugentwicklungsphasen. Durch die
Kombination aus zonaler Modellierung, CFD-basierter Parametrisierung, KI-gestützter
Ventilationsmatrix und thermophysiologischer Komfortbewertung lassen sich
Klimastrategien effizient auslegen, ohne auf reale Prototypen angewiesen zu
sein. Die drastische Reduzierung der Rechenzeiten, die hohe Modellgenauigkeit
und die Möglichkeit, Varianten schnell zu analysieren, führen zu erheblichen
Zeit- und Kosteneinsparungen. Dadurch steigt nicht nur die Effizienz des
Entwicklungsprozesses – Unternehmen gewinnen zugleich eine spürbar höhere
Wettbewerbsfähigkeit auf dem internationalen Markt.

